Entwicklung

1893 - 1914

Die darauf folgende Entwicklung bestätigt die Richtigkeit dieser Entscheidung. Die UNION wendet sich nunmehr neuen Aufgaben zu, und die Pflege der Geselligkeit bleibt nicht mehr länger das alleinige Anliegen des Vereins. Vortragsveranstaltungen und Fortbildungskurse werden erfolgreich ins Programm aufgenommen. Öffentliche Vorträge mit auswärtigen Rednern, Vorträge nur für Mitglieder und Diskussionsabende über kaufmännische Fragen finden regen Zuspruch. Die Prophezeihung der "Kaufmanns-Halle", die UNION werde nach der Trennung bald zugrunde gehen, erfüllt sich an ihr selbst. Sie spielt im Braunschweiger Vereinsleben bald keine Rolle mehr und 1894/95 treten die letzten Mitglieder der "Kaufmanns-Halle" zur" Union" über. Neues Clublokal wird 1881 die "Restauration" des Wilhelm Danne in der Leopoldstraße.

1883/84 zählt der Verein bereits 360 Mitglieder. Dem Büro für Stellenvermittlung werden 66 freie Stellen gemeldet, denen 67 Bewerbungen gegenüberstehen. 28 Bewerber können durch das Büro vermittelt werden. Viele Engagements scheitern allerdings an der ungenügenden Ausbildung der Bewerber. Die schon längere Zeit angebotenen Fortbildungsveranstaltungen der UNION für Lehrlinge sollen durch Zusammenarbeit mit einer Handelsschule professioneller werden. Angeboten werden Kurse für französisch und englisch sowie für doppelte Buchführung.

Vorsitzender und dominierende Persönlichkeit in dieser Zeit ist Franz Brückmann, Inhaber der Nähmaschinenfabrik Bremer und Brückmann, Frankfurter Straße. Er amtiert zwischen 1870 und 1893 insgesamt 14 Jahre und hinterlässt der UNION eine silberne Glocke, die noch heute zu offiziellen Anlässen ertönt.

Wieder einmal sorgen Raumprobleme für Diskussionen. Vereinswirt Danne wird am Augustplatz ein passendes Grundstück angeboten; er kann aber die erheblichen Kosten für Kauf, Ausbau und Renovierung
nicht allein aufbringen. Die Mitglieder der UNION sorgen durch persönliche Darlehn dafür , dass Wirt Danne die Anzahlung des Kaufpreises und die Kosten für den Ausbau von zusammen 20.000 Mark zur Verfügung gestellt werden. Dafür zahlt die UNION bis zur Tilgung des Darlehns keine Miete. 26 Jahre lang, bis 1911, residiert der Kaufmännische Verein nach Abschluss entsprechender Verträge in dem später als „Dannes Hotel“ bekannt gewordenen Haus am Augustplatz.

Im Vorstand der UNION wird immer wieder darüber beraten, was zur besseren Ausbildung der Lehrlinge getan werden könne. Die Handelsschule wird erfahrungsgemäß nur von den Lehrlingen besucht, die Volksschulbildung haben, während sich die Lehrlinge mit Gymnasialbildung im allgemeinen nicht dazu entschließen. Weil wegen der lückenhaften Ausbildung Kenntnisse in den Handelswissenschaften, wie z. B. in der Buchführung, nicht genügend vermittelt werden, regt der Vorstand deshalb die Einrichtung von entsprechenden Kursen für Lehrlinge an.

In Deutschland haben sich nach dem Vorbild der UNION inzwischen zahlreiche ähnliche Vereine gebildet. Sie schließen sich im Deutschen Verband Kaufmännischer Vereine zusammen. 1891 wird der Verbandstag dieser Organisation am 6., 7. und 8. Juni in Braunschweig abgehalten. Diese Tagung zeichnet sich durch wesentliche Beschlüsse, die sogenannten Braunschweiger Resolutionen, aus. So wird bei der Reichsregierung die Durchführung einer Erhebung über die soziale Lage des deutschen Kaufmannsstandes erfolgreich angeregt. Ferner wird noch einmal der Wunsch ausgesprochen, die Errichtung und Unterhaltung der Handelsschulen in Einzelstaaten und Gemeinden zu unterstützen und ihren Besuch obligatorisch zu machen. Und schließlich werden die neuen Bestimmungen zur Sonntagsruhe für das Handelsgewerbe gut geheißen.

Im September 1892 fragt der Stadtmagistrat den Vorstand der UNION, ob eine "einheitliche Bestimmung in der Richtung für wünschenswert erachtet würde, daß Handlungsgehülfen und Lehrlinge, welche nicht über 6 2/3 M für den Arbeitstag oder 2000 M im Jahre verdienen, für versicherungspflichtig erklärt werden". Es ist die Zeit der beginnenden Sozialpolitik. 1883 bis 1889 waren unter Bismarck das Krankenversicherungs-, das Unfallversicherungsgesetz und das Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung in Deutschland erlassen worden. Anfangs war die Sozialversicherung noch auf einige als besonders schutzbedürftig angesehene Arbeitnehmergruppen beschränkt und erst allmählich wurde sie auf weitere Gruppen ausgedehnt. Die " Union" antwortet, dass "lebhaft gewünscht wird, den Zwang der Kranken-Kasse anzugehören, auf alle Gehülfen, Lehrlinge und Gehülfinnen auszudehnen, um eine sichere Controlle ausüben zu können, zumal das Verständnis resp. die Kenntnis des Gesetzes nicht überall vorausgesetzt werden könne".

Der Vorstand beschließt u. a. die Einrichtung eines Lehrganges in doppelter Buchführung, berät über die Einrichtung eines Mittagstischs und die Gründung eines Lehrlingsheims. Ferner wird eine Vereinigung für Handelslehrlinge ins Leben gerufen.

1893 wird wieder einmal aufwändig gefeiert. Die UNION wird 75 Jahre alt. Nachdem der Kommers einen bis dahin "nie dagewesenen" Besuch gehabt hat, findet am Sonntag, 22. Oktober nachmittags 3 1/2 Uhr, das Festessen mit Aufführung eines Festspiels und anschließendem Ball statt. Brünings Saalbau ist zu diesem festlichen Anlass mit sämtlichen Handelsflaggen der Welt geschmückt, und ca. 500 Personen nehmen am Festessen teil. Besonders bemerkenswert ist die Ansprache des Kommerzienrats Jüdel, der die Entwicklung des Welthandels schildert. In diesem Jubiläumsjahr erreicht die UNION mit 556 Mitgliedern die höchste Zahl im Laufe ihrer langen Geschichte.

Handelkammer

Handelkammer

1894 wird die eigene Stellenvermittlung mangels Nachfrage eingestellt. Nachdem 1864 an Stelle des seit 1841 mit ministerieller Genehmigung wirkenden Kaufmanns-Vereins die Handelskammer errichtet worden ist, der alle ins Handelsregister eingetragenen Kaufleute beitreten müssen - 1884 verfügt sie über 700 Mitglieder - , gehen immer mehr offizielle Aufgaben der Interessenvertretung auf die Kammer über. Die UNION kann sich wieder mehr den Bildungsaufgaben und der Pflege der Geselligkeit widmen, den beiden Anliegen, die bei der Gründung eindeutig im Vordergrund gestanden haben.


Höhepunkt des Vereinslebens im  Jahre 1908 ist die Feier zum 90. Geburtstag der UNION. Das Stiftungsfest wird  mit größerem Aufwand als jedes andere vorher begangen.  Die "Neuesten Nachrichten" würdigen ausführlich die 90jährige erfolgreiche Geschichte des Vereins und deren Aufgaben. Habe man früher vor allem Wert auf die Pflege der Geselligkeit gelegt, nehme man heute die Interessen des Handelsstandes wahr und kümmere sich durch eine eigens dafür gegründete Unterstützungskasse sogar um in Not geratene Kaufleute.

Im Jubiläumsjahr wird auf Beschluss der Mitgliederversammlung die Vereinssatzung den veränderten Gegebenheiten angepasst. Sie gibt unter § 1 als Zweck des Vereins an: Fortbildung, namentlich im kaufmännischen Wissen, Förderung des gesellschaftlichen Sinnes und Stellenvermittlung. Dieser Zweck soll nach § 2 hauptsächlich erreicht werden durch Vorträge und Vorlesungen, Verhandlungen über kaufmännische und wissenschaftliche Fragen, Bücherei und Zeitschriften, gesellige Zusammenkünfte, Bälle und Konzerte, den "Stellenvermittlungsbund, im Deutschen Verbande Kaufmännischer Vereine", dessen Mitglied die UNION ist. Nach wie vor Bestandteil der Satzung ist der § 21, der die Auflösung der UNION für unmöglich erklärt: „Selbst auch in dem Falle, daß eine große Mehrheit der Mitglieder einen solchen Schritt unternähme, würden die übrigen die UNION ausmachen, wie wenige ihrer auch wären."

1911 werden die Clubräume aus Dannes Hotel wieder in die einst von der Kaufmannshalle benutzten Räumlichkeiten im Hotel d' Angleterre verlegt, das jetzt Hotel Englischer Hof heißt. Aus jener Zeit existiert  eine Werbeschrift für neue Mitglieder unter dem Motto „Was bietet der Kaufmännische Verein UNION?“. Die Werbeschrift gewährt einen Einblick in die Zahl und Ausstattung der Vereinsräume. Das Heim im Englischen Hof bestand aus "einem eleganten Lesezimmer" mit schweren Lederclubsesseln und kleinen Rauchtischen, einem "gemütlichen Vereinszimmer für die jüngeren Herren", einem weiteren Lesezimmer von einfacherer Einrichtung und einem "praktisch eingerichteten Spielzimmer". Es gehörten weiter ein "behagliches Vereinszimmer für die älteren Herren" dazu, sowie ein größerer" Versammlungssaal " mit langen Tischen und ein Büchereizimmer. In den Vereinsräumen waren "Speisen und Getränke zu mäßigen Preisen zu haben", es war aber "nicht erforderlich, daß etwas verzehrt" wurde. Eine "größere Anzahl der besten Tages-, Wochen sowie Monats-Zeitungen zur kostenlosen Benutzung im Lesezimmer" liege aus,  eine Bücherei mit 3000 Bänden sei vorhanden, und zur „Belehrung und Unterhaltung“ würden Vorträge gehalten. Erwähnt wird auch die Unterstützung für Hilfsbedürftige des Handelsstandes. Die UNION besitzt zu dieser Zeit Anteile am kaufmännischen Erholungsheim der Handelskammer in Bad Harzburg, das etwa 100 Personen aufnehmen kann.



 

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